Wer in den vergangenen zwanzig Jahren den DAX-Kursverlauf für den Monat September neben die restlichen elf Monate legt, sieht einen auffälligen Ausreißer nach unten. Der September ist im historischen Mittel der einzige Kalendermonat, in dem der deutsche Leitindex öfter fällt als steigt – ein Muster, das Börsianer seit Jahrzehnten als "September-Effekt" bezeichnen und das beim S&P 500 in den USA noch deutlicher ausgeprägt ist. Für Anleger mit ETF-Sparplan stellt sich damit jedes Jahr aufs Neue dieselbe Frage: Ist das ein Signal, auf das man reagieren sollte, oder nur Statistik-Folklore, die sich schlecht für den eigenen Kontostand eignet?
Die Frage ist alles andere als akademisch. Wer heute, Ende August, mit gemischten Gefühlen auf sein Depot schaut, hat gute Chancen, in den kommenden Wochen genau diese Schlagzeile in irgendeinem Finanzportal zu lesen – meist garniert mit einer Grafik, die den Kurseinbruch besonders dramatisch aussehen lässt. Bevor daraus eine Entscheidung über die eigene Sparrate wird, lohnt sich ein Blick darauf, was diese Statistik tatsächlich misst und was sie verschweigt.
Was der September-Effekt tatsächlich zeigt
Die Zahlen sind real, auch wenn sie kleiner ausfallen, als viele Finanzblogs suggerieren. Seit 1988 hat der DAX im September im Schnitt rund 1,2 Prozent verloren, während er in den übrigen Monaten im Mittel positiv abschloss. Beim S&P 500 zeigt der "Stock Trader's Almanac", eine seit den 1960er-Jahren geführte Statistiksammlung, für den September seit 1950 einen Durchschnittsverlust von etwa 0,7 Prozent – der einzige Monat mit einer negativen langfristigen Durchschnittsrendite. Diese Werte klingen dramatischer, als sie in der Praxis sind: Eine Standardabweichung von mehreren Prozentpunkten bedeutet, dass in einzelnen Jahren – etwa 2010, 2013 oder 2021 – der September sogar zu den stärksten Monaten zählte. Auch der Oktober, der in der öffentlichen Wahrnehmung wegen einiger historischer Crashs als besonders gefürchtet gilt, schneidet in der langfristigen Statistik im Schnitt deutlich besser ab als sein Ruf. Wer die Monatsrenditen der vergangenen dreißig Jahre nüchtern nebeneinanderlegt, findet also ein reales, aber schwaches saisonales Muster – kein verlässliches Warnsignal, das eine einzelne Anlageentscheidung tragen könnte. Genau an dieser Stelle trennt sich seriöse Finanzberichterstattung von den reißerischen Überschriften, die jedes Jahr Ende August wieder auftauchen.
Genau dieser Punkt wird in der Berichterstattung gern unterschlagen. Ein statistischer Mittelwert über 70 oder 90 Beobachtungsjahre ist kein Vorhersagemodell für das laufende Jahr, sondern eine Beschreibung der Vergangenheit mit erheblicher Streuung. Wer daraus eine feste Handlungsregel für den eigenen Sparplan ableitet, verwechselt eine Korrelation mit einer Garantie – ein Denkfehler, der Anlegern in schwachen Marktphasen regelmäßig teurer zu stehen kommt als der eigentliche Kursrückgang.
Warum die Statistik gerade im September schwächelt
Nachsteuerverkäufe und institutionelle Umschichtungen
Ein Erklärungsansatz kommt aus den USA und betrifft das dortige Steuerjahr: Viele Fondsgesellschaften realisieren dort im September – dem Ende des Geschäftsjahres für zahlreiche Investmentfonds – gezielt Verluste, um die Steuerlast zu drücken. Diese sogenannten Nachsteuerverkäufe (tax-loss harvesting) erzeugen zusätzlichen Verkaufsdruck, der in Europa in dieser Form gar nicht existiert, sich über die enge Verflechtung der globalen Märkte aber trotzdem auf den DAX überträgt. Parallel dazu schichten institutionelle Anleger nach der Sommerpause ihre Portfolios um, prüfen Quartalsziele und trennen sich von Positionen, die im ersten Halbjahr enttäuscht haben.
Weniger Volumen, mehr Nervosität
Der zweite Faktor ist simpler: Handelsvolumen. Im August, wenn große Teile Europas und der USA im Urlaub sind, sinkt das Handelsvolumen an den Börsen spürbar – schon kleinere Verkaufsorders bewegen dann Kurse überproportional. Kehren die institutionellen Händler ab Anfang September zurück, treffen frische Nachrichtenlagen, Zinsentscheidungen der EZB und Unternehmensausblicke auf einen Markt, der sich gerade erst wieder neu kalibriert. Diese Kombination aus Nachholeffekten und dünner Liquidität sorgt regelmäßig für mehr Volatilität als in ruhigeren Monaten wie April oder Mai.
Sollten Sie Ihren Sparplan deshalb pausieren?
Nein.
Wer jetzt aus Sorge vor dem September-Effekt den ETF-Sparplan aussetzt, begeht genau den Fehler, den die Statistik eigentlich widerlegt. Der Vorteil eines Sparplans liegt im sogenannten Durchschnittskosteneffekt: Sie kaufen jeden Monat für denselben Betrag Anteile, unabhängig vom aktuellen Kurs. Fällt der Kurs im September, kaufen Sie automatisch mehr Anteile für Ihre 200 oder 300 Euro Sparrate – ein Effekt, der sich über zehn oder zwanzig Jahre Anlagehorizont in der Regel stärker auswirkt als jedes Timing-Manöver. Wer aussetzt, verpasst genau die Monate, in denen der Durchschnittskosteneffekt am meisten bringt. Unsere Empfehlung ist deshalb eindeutig: Halten Sie die Sparrate konstant, unabhängig davon, welche Schlagzeile gerade die Runde macht. Wer trotzdem das Bedürfnis hat, aktiv etwas zu tun, sollte dieses Bedürfnis in eine Überprüfung der eigenen Diversifikation stecken statt in einen Ausstieg – dazu gleich mehr.
Market-Timing hat außerdem einen Preis, den viele Sparer unterschätzen. Wer im September verkauft und im Oktober oder November wieder einsteigt, zahlt nicht nur Ordergebühren – bei Neobrokern wie Trade Republic oder Scalable Capital zwar oft nur 1 Euro pro Order, bei klassischen Depotbanken wie der comdirect oder DKB aber durchaus 5 bis 10 Euro je Transaktion –, sondern riskiert vor allem, die stärksten Tage zu verpassen. Eine vielzitierte Auswertung von JPMorgan Asset Management zeigt, dass ein Anleger, der zwischen 2003 und 2022 nur die zehn besten Börsentage im S&P 500 verpasste, seine Gesamtrendite in etwa halbierte. Diese besten Tage liegen fast immer unmittelbar nach besonders schlechten Phasen – ausgerechnet dann, wenn Anleger aus Angst am ehesten aussteigen.
Was das für Ihr ETF-Depot konkret bedeutet
Bleiben Sie investiert, aber nutzen Sie den Herbst für etwas anderes als Panikverkäufe: eine nüchterne Bestandsaufnahme. Ein MSCI-World-ETF-Sparplan mit 250 Euro monatlicher Rate, der seit Januar 2020 läuft, hätte trotz Corona-Crash, Zinswende 2022 und diverser September-Einbrüche Ende 2025 einen Depotwert von deutlich über 20.000 Euro erreicht – bei eingezahlten rund 17.750 Euro. Wer in genau diesen Krisenmonaten pausiert oder verkauft hätte, läge heute spürbar darunter. Das ist kein Plädoyer dafür, Kursrückgänge zu ignorieren, sondern dafür, sie im Kontext des eigenen Anlagehorizonts zu bewerten.
Trotzdem gibt es eine berechtigte Ausnahme von dieser Regel: Wer sein Geld in den nächsten zwei bis drei Jahren tatsächlich braucht – für den Hauskauf, die Ausbildung der Kinder oder den Ruhestand –, sollte nicht auf denselben Zeithorizont setzen wie jemand mit zwanzig Jahren Anlagehorizont. Kurzfristiges Kapital gehört grundsätzlich nicht in schwankungsanfällige ETF-Positionen, unabhängig davon, welcher Monat gerade ansteht.
Ein Beispiel aus der Praxis
Nehmen wir eine 42-jährige Angestellte aus Köln, die seit sieben Jahren monatlich 300 Euro in einen MSCI-World-ETF einzahlt und deren Depot Ende August 2026 bei rund 34.000 Euro steht. Fällt der Kurs im September um 4 Prozent, verliert das Depot auf dem Papier etwa 1.360 Euro – ein Betrag, der beim ersten Blick aufs Depot-App-Icon durchaus unangenehm ist. Bezogen auf einen geplanten Ruhestand in 23 Jahren ist dieser Rückgang jedoch statistisch irrelevant, sofern die monatliche Sparrate unverändert weiterläuft. Wer stattdessen aussteigt, um "erst mal abzuwarten", tauscht ein vorübergehendes Buchverlust-Risiko gegen das viel konkretere Risiko, den Wiedereinstieg zu verpassen – und genau das lässt sich an der Historie des DAX seit 1988 in beide Richtungen nachweisen.
Die Herbst-Checkliste fürs Depot
September und Oktober eignen sich hervorragend für einen strukturierten Depot-Check – nicht, weil die Kurse fallen könnten, sondern weil vor dem Jahreswechsel noch Zeit bleibt, um steuerliche und strategische Fehler zu korrigieren. Vier Punkte lohnen sich besonders:
- Diversifikation prüfen: Wer über Jahre nur in einen Welt-ETF eingezahlt hat, sollte kontrollieren, ob durch Kursgewinne einzelner Sektoren – etwa US-Technologiewerte – die Gewichtung mittlerweile stark verschoben ist.
- Rebalancing überlegen, aber nicht übertreiben: Ein Rebalancing macht meist nur Sinn, wenn eine Anlageklasse um mehr als fünf bis zehn Prozentpunkte von der Zielgewichtung abgewichen ist. Verzichten Sie auf häufigeres Umschichten – es frisst durch Steuern und Gebühren mehr Rendite, als es an Risiko reduziert.
- Sparerpauschbetrag für 2026 kontrollieren. Der Freibetrag liegt bei 1.000 Euro für Alleinstehende und 2.000 Euro für gemeinsam veranlagte Paare; wer ihn noch nicht vollständig auf seine Depots verteilt hat, verschenkt bei Ausschüttungen oder Kursgewinnen bares Geld an die Abgeltungssteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag.
- Und, oft vernachlässigt: den Notgroschen-Puffer auf drei bis sechs Monatsausgaben prüfen, damit im Fall eines echten Liquiditätsbedarfs niemand gezwungen ist, ausgerechnet in einer schwachen Marktphase ETF-Anteile zu verkaufen.
Die letzten beiden Punkte hängen enger zusammen, als es auf den ersten Blick wirkt. Ein Notgroschen, der auf einem Tagesgeldkonto bei der ING oder DKB mit aktuell rund 2 bis 2,5 Prozent Zinsen liegt, ist genau das Instrument, das verhindert, dass eine unerwartete Autoreparatur oder eine Zahnarztrechnung zum ungewollten Verkaufsgrund für den Sparplan wird. Ohne diesen Puffer entscheidet nicht die eigene Anlagestrategie über den Verkaufszeitpunkt, sondern der Zufall einer Rechnung, die genau in einem schwachen September ins Haus flattert.
Der ehrliche Blick auf saisonale Muster
Saisonale Effekte wie der September-Effekt sind kein Mythos, aber sie sind auch kein verlässliches Handwerkszeug für die eigene Anlagestrategie. Wer aus einem statistischen Mittelwert über siebzig Jahre eine Regel für das eigene Portfolio in diesem konkreten Jahr ableitet, überschätzt systematisch, was Statistik leisten kann. Die bessere Strategie bleibt unspektakulär: automatisierte monatliche Raten, eine über mehrere Regionen gestreute ETF-Basis, ein aufgefüllter Notgroschen – und ein Blick auf den Kontoauszug, der nicht öfter als einmal im Quartal stattfindet.