Auf dem Nachbarbalkon hängen seit April zwei schwarze Module, schräg an das Geländer geschraubt, ein dünnes Kabel führt durch einen Kabelkanal zur Steckdose auf dem Balkon. Die Stromrechnung des Nachbarn ist seitdem spürbar niedriger – nicht dramatisch, aber niedriger, und genau um diesen Unterschied zwischen "spürbar" und "dramatisch" geht es bei der ganzen Diskussion um Balkonkraftwerke eigentlich. Genau diese Beobachtung bringt gerade Tausende Mieter und Eigentümer dazu, sich zum ersten Mal ernsthaft mit einem Balkonkraftwerk zu beschäftigen, meist mit derselben ersten Frage: Lohnt sich das überhaupt, oder ist das am Ende nur ein teures Statussymbol für Leute mit zu viel Zeit?
Ein Standard-Set mit zwei Modulen und einem Wechselrichter kostet aktuell zwischen 400 und 750 Euro, je nach Hersteller und Leistung. Anker SOLIX, EcoFlow und Zendure gehören zu den bekanntesten Marken auf dem deutschen Markt, alle drei mit Sets, die 800 Watt Ausgangsleistung erreichen – der aktuellen gesetzlichen Obergrenze für die vereinfachte Anmeldung. Seit Anfang 2023 gilt für Photovoltaik-Anlagen bis 30 Kilowatt-Peak zudem eine Umsatzsteuerbefreiung von null Prozent auf den Kaufpreis, was ein 500-Euro-Set gegenüber der Rechtslage vor 2023 real um fast 100 Euro günstiger macht, ohne dass ein Käufer selbst irgendetwas beim Finanzamt beantragen muss. Der Preisunterschied zwischen den Marken liegt selten an der reinen Modulleistung, sondern meist an der App-Steuerung, an der Garantiedauer und daran, ob ein Speicher optional nachgerüstet werden kann. Wer zusätzlich einen Stromspeicher will, etwa das Anker SOLIX Solarbank-System, zahlt schnell 300 bis 600 Euro mehr, und genau hier beginnt die Rechnung kompliziert zu werden, denn ein Speicher verlängert die Amortisationszeit fast immer, statt sie zu verkürzen. Wer unsicher ist, sollte mit dem einfachsten Set ohne Speicher starten und erst nach einem Sommer mit echten Verbrauchsdaten entscheiden, ob sich die Zusatzinvestition überhaupt lohnt.
Die 800-Watt-Grenze und was sich 2024 wirklich geändert hat
Seit dem Solarpaket I ist die Anmeldung deutlich einfacher geworden. Eine gesonderte Anmeldung beim Netzbetreiber entfällt, es genügt die vereinfachte Registrierung im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur, die in der Regel wenige Minuten dauert. Die frühere Diskussion um Schuko- gegen Wieland-Stecker ist inzwischen weitgehend erledigt, da normale Haushaltssteckdosen für die Einspeisung ausdrücklich zulässig sind. Und die Wechselrichterleistung darf seit der Reform bis zu 800 Watt betragen, auch wenn die Module selbst rechnerisch mehr Leistung liefern könnten – ein Detail, das viele Käufer beim Vergleich der Angebote übersehen, weil sie sich an der Modulleistung statt an der tatsächlichen Einspeiseleistung orientieren.
Wichtig bleibt trotzdem eine Sache.
Der alte Zähler mit rückwärtslaufender Anzeige muss ausgetauscht werden, bevor die Anlage regulär ans Netz geht, denn ein rückwärts drehender Ferraris-Zähler ist seit Jahren nicht mehr zulässig und wird bei einer Kontrolle beanstandet. Der Netzbetreiber tauscht in den meisten Fällen kostenlos gegen einen modernen Zweirichtungszähler, die Wartezeit liegt aber je nach Region zwischen wenigen Wochen und mehreren Monaten. In dieser Übergangszeit darf die Anlage zwar meist schon laufen, der eingespeiste Überschuss geht aber faktisch verloren, solange der alte Zähler noch verbaut ist – ein Punkt, den kaum ein Verkäufer im Elektromarkt von sich aus erwähnt, wenn er das Set über die Ladentheke reicht.
Die Rechnung, die wirklich zählt
Ein Balkonkraftwerk mit 800 Watt Modulleistung, gut ausgerichtet nach Süden ohne Verschattung, erzeugt in Deutschland grob 600 bis 800 Kilowattstunden Strom im Jahr. Bei einem Strompreis von etwa 32 Cent pro Kilowattstunde entspricht das einer Ersparnis von rund 190 bis 250 Euro jährlich, vorausgesetzt der erzeugte Strom wird tatsächlich im Haushalt verbraucht und nicht ungenutzt ins Netz eingespeist, denn eine Einspeisevergütung wie bei großen Dachanlagen gibt es für Balkonkraftwerke in der Praxis kaum – die Vergütung liegt bei wenigen Cent pro Kilowattstunde und lohnt den bürokratischen Aufwand einer Anmeldung dafür selten. Bei Anschaffungskosten von 500 Euro liegt die Amortisationszeit damit realistisch bei zwei bis drei Jahren, bei 750 Euro eher bei drei bis vier Jahren – eine Rendite, die kaum ein anderes kleine Investment im Alltag erreicht, ganz ohne Depot, Kursrisiko oder Abgeltungssteuer.
Wer einen Speicher dazukauft, sollte die Erwartungen deutlich senken. Ein Speicher verschiebt den erzeugten Strom in die Abendstunden, wenn ohnehin weniger Sonne scheint, aber er kostet oft so viel wie das gesamte restliche Set zusammen. Die bessere Wahl für die meisten Haushalte ist ein System ohne Speicher, kombiniert mit einer bewussten Verlagerung des Stromverbrauchs in die Mittagsstunden – Waschmaschine, Geschirrspüler und Ladegeräte laufen lassen, wenn die Sonne tatsächlich scheint, statt abends nach der Arbeit.
Was Sie vor dem Kauf wirklich prüfen sollten
- Die Ausrichtung des Balkons – Süd oder Südwest bringt deutlich mehr als Ost oder gar Nord.
- Verschattung durch Nachbargebäude, Bäume oder den eigenen Balkon darüber, idealerweise über mehrere Tageszeiten hinweg beobachtet, nicht nur an einem sonnigen Nachmittag.
- Prüfen Sie beim Netzbetreiber telefonisch, ob bereits ein moderner Zweirichtungszähler verbaut ist, denn davon hängt ab, wie schnell sich die Anlage tatsächlich amortisiert.
- Die Statik des Balkongeländers bei schwereren Modulen, vor allem in Altbauten mit filigranen schmiedeeisernen Geländern, und einige weitere bauliche Details, die je nach Wohnung unterschiedlich ausfallen.
Lebensdauer, Garantie und was danach kommt
Solarmodule verlieren mit den Jahren an Leistung, aber langsamer als die meisten Käufer erwarten. Hersteller geben üblicherweise 25 Jahre Leistungsgarantie auf die Module, mit einer garantierten Restleistung von etwa 80 bis 87 Prozent am Ende dieses Zeitraums. Der Wechselrichter altert schneller als das Modul selbst und wird meist mit 10 bis 15 Jahren Garantie verkauft, danach ist ein Austausch für 80 bis 150 Euro realistisch – ein Betrag, der in eine seriöse Amortisationsrechnung eigentlich hineingehört, auch wenn kaum ein Anbieter im Prospekt darauf hinweist. Selbst mit diesem späteren Austausch bleibt die Gesamtrechnung über die Lebensdauer der Anlage deutlich positiv, da die laufenden Kosten nach der Anschaffung praktisch bei null liegen und ein Balkonkraftwerk anders als eine Kapitalanlage am Aktienmarkt keine jährlichen Gebühren kennt. Wer umzieht, kann das gesamte Set in aller Regel mitnehmen, da es nicht fest verbaut, sondern nur angeschraubt oder angehängt ist – ein Vorteil gegenüber der klassischen Dachanlage, die faktisch mit dem Gebäude verkauft wird. Genau dieser Punkt macht ein Balkonkraftwerk gerade für Mieter interessant, die ohnehin nicht wissen, ob sie in fünf Jahren noch in derselben Wohnung leben.
Wo die Ersparnis kleiner ausfällt als gedacht
Ein Balkon nach Norden oder ein Balkon, der ab dem frühen Nachmittag im Schatten des Nachbargebäudes liegt, bringt oft nur die Hälfte der beworbenen Erträge – und genau diese Balkone sind in dicht bebauten Innenstädten die Regel, nicht die Ausnahme. Wer in einer Wohnung im dritten Stock einer engen Straße wohnt, sollte vor dem Kauf ehrlich prüfen, wie viele Sonnenstunden der Balkon tatsächlich abbekommt, statt sich auf die Herstellerangaben für einen freistehenden Südbalkon zu verlassen. Ein Modul, das nur vier statt acht Stunden direkte Sonne bekommt, liefert nicht die Hälfte, sondern häufig deutlich weniger als die Hälfte der Jahreserträge, weil Solarmodule bei diffusem Licht überproportional an Leistung verlieren.
Mieter, Eigentümer und die Frage der Zustimmung
Mieter brauchen für ein Balkonkraftwerk grundsätzlich weiterhin die Zustimmung des Vermieters, auch wenn der Gesetzgeber diese Zustimmung inzwischen erleichtert hat und sie in der Regel nicht mehr grundlos verweigert werden darf. In Wohnungseigentümergemeinschaften braucht es meist einen Beschluss der Eigentümerversammlung, zumindest wenn die Anlage am Gemeinschaftseigentum – etwa am Balkongeländer – befestigt wird. Vermeiden Sie es, ein Modul einfach ohne Rücksprache aufzuhängen, selbst wenn die Nachbarn es längst tun, denn die rechtlichen Risiken bei einer Abmahnung stehen in keinem Verhältnis zu den 200 Euro jährlicher Ersparnis, um die es hier eigentlich geht. Melden Sie die Anlage außerdem der eigenen Hausratversicherung, da manche Versicherer ein nicht gemeldetes Balkonkraftwerk im Schadensfall als nachträgliche bauliche Veränderung werten und die Regulierung verzögern oder kürzen.
Trotz allem lohnt sich für die meisten Haushalte mit geeignetem Balkon der Einstieg, gerade weil die Einstiegskosten in den letzten zwei Jahren spürbar gefallen sind, während die Strompreise auf hohem Niveau geblieben sind. Der Nachbar mit den zwei schwarzen Modulen hat für sein Set 480 Euro bezahlt, im März bestellt, im April montiert. Nach seiner eigenen Rechnung ist die Anlage nach etwas mehr als zwei Jahren bezahlt – der Rest ist, wie er es nennt, kostenloser Strom für ein Jahrzehnt oder länger.