Am Morgen des 5. August 2024 saßen Anlegerinnen und Anleger in Frankfurt vor ihren Bildschirmen und sahen zu, wie der japanische Nikkei-Index innerhalb weniger Stunden um mehr als zehn Prozent einbrach – der schärfste Tagesverlust seit dem Börsencrash von 1987. Auch der DAX geriet spürbar ins Trudeln, und wer in diesen Tagen panisch verkaufte, realisierte Verluste, die sich binnen weniger Wochen wieder in Luft auflösten. Der Auslöser lag tausende Kilometer entfernt: Die japanische Notenbank hatte überraschend die Zinsen angehoben, wodurch sich ein jahrelang beliebtes Kreditgeschäft – der sogenannte Yen-Carry-Trade – plötzlich nicht mehr lohnte und massenhaft aufgelöst wurde. Was diesen Tag jedoch besonders lehrreich macht, ist der Zeitpunkt: Es war August, jener Monat, in dem viele institutionelle Anleger im Urlaub sind und das Handelsvolumen an den Börsen ohnehin spürbar sinkt. Genau diese Kombination aus dünner Liquidität und einem externen Schock sorgt fast jedes Jahr aufs Neue für überproportionale Kursausschläge – und deshalb lohnt sich gerade jetzt, zu Beginn des Augusts 2026, ein nüchterner Blick darauf, wie Sie als Sparplan-Anlegerin oder Sparplan-Anleger mit dieser wiederkehrenden Unruhephase umgehen sollten.
Warum der August zur ruhigen Gefahrenzone wird
Das Phänomen hat einen Namen, der in Finanzkreisen seit Jahrzehnten kursiert: das Sommerloch. Gemeint ist damit kein Kursrückgang an sich, sondern ein spürbarer Rückgang des Handelsvolumens, weil Fondsmanager, institutionelle Investoren und ein Großteil der professionellen Marktteilnehmer zwischen Mitte Juli und Ende August tatsächlich Urlaub machen (ein Muster, das sich in den Handelsdaten der vergangenen zwei Jahrzehnte auffällig oft wiederholt). Wenn weniger Kapital aktiv gehandelt wird, reichen bereits vergleichsweise kleine Kauf- oder Verkaufsorders aus, um den Kurs eines Wertpapiers deutlich zu bewegen – im Fachjargon spricht man von geringerer Marktliquidität. Genau das erklärt, warum ausgerechnet im August überdurchschnittlich viele der größten Tagesbewegungen der vergangenen zwanzig Jahre aufgetreten sind, vom sogenannten Flash Crash im August 2015 bis zum bereits erwähnten Ereignis im August 2024. Dünnes Handelsvolumen bedeutet dabei nicht automatisch fallende Kurse. Es bedeutet lediglich, dass jede Nachricht lauter wirkt, als sie es im Oktober oder November täte, weil weniger Gegenkapital vorhanden ist, das eine Bewegung sofort wieder ausgleicht.
Der Cost-Average-Effekt: Ihr stiller Verbündeter, wenn andere nervös werden
Wer einen ETF-Sparplan bespart, kauft nicht zu einem einzigen Stichtag, sondern automatisch und regelmäßig – meist monatlich, oft am Ersten oder am Fünfzehnten, je nach Depotbank. Genau dieser Mechanismus, in Deutschland gerne als Durchschnittskosteneffekt bezeichnet, dreht die Sommerloch-Volatilität von einer Bedrohung in einen stillen Vorteil um. Fällt der Kurs eines ETFs in einer nervösen Augustwoche, kauft die nächste automatische Sparrate mehr Anteile für denselben Betrag. Steigt der Kurs anschließend wieder, wie es nach fast jeder der genannten August-Episoden der Fall war, profitieren gerade die günstig eingesammelten Anteile überproportional von der Erholung. Ein Aussetzen oder Pausieren der Sparrate aus Angst vor fallenden Kursen ist damit fast immer die schlechtere Wahl, auch wenn sich genau das im Moment der Verunsicherung für viele Anlegerinnen und Anleger richtig anfühlt.
Ein Rechenbeispiel für 200 Euro im Monat
- Im Juli kauft eine Sparrate von 200 Euro bei einem ETF-Kurs von 100 Euro genau zwei Anteile.
- Sinkt der Kurs im August auf 90 Euro, kauft dieselbe Rate bereits 2,22 Anteile – mehr Substanz für denselben Einsatz.
- Erholt sich der Kurs im September wieder auf 100 Euro, stehen die im August gekauften Anteile bereits im Plus, während eine Anlegerin, die im Juli alles auf einmal investiert hätte, in der Zwischenzeit nur zugesehen hat, wie ihr Depotwert schwankt.
Unsere klare Empfehlung: Lassen Sie die Sparrate unverändert weiterlaufen, unabhängig davon, was die Schlagzeilen an einem einzelnen Handelstag verkünden. Wer stattdessen versucht, den perfekten Einstiegszeitpunkt zu erraten, verzichtet in aller Regel auf mehr Rendite, als er durch geschicktes Timing jemals gewinnen könnte – Studien zum sogenannten Market-Timing zeigen das seit Jahrzehnten immer wieder.
Der Notgroschen gehört aufs Tagesgeldkonto, nicht ins Depot
Die Ruhe, mit der Sie die nächste Sommerloch-Episode aussitzen können, hängt weniger vom gewählten ETF ab als von einer ganz anderen Frage: Haben Sie überhaupt Geld angelegt, das Sie eigentlich kurzfristig brauchen könnten? Die klassische Faustregel unter Finanzberatern lautet, drei bis sechs Monatsausgaben als Notgroschen auf einem Tagesgeldkonto zu parken, bevor überhaupt ein einziger Euro ins Depot fließt. Ein Tagesgeldkonto bei einer deutschen oder europäischen Bank ist durch die gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro pro Kunde und Institut abgesichert, was es fundamental von einem Wertpapierdepot unterscheidet, dessen Wert täglich schwankt. Die Zinsen für Tagesgeld liegen bei vielen deutschen Direktbanken inzwischen deutlich unter dem Niveau der Jahre 2023 und 2024, nachdem die Europäische Zentralbank ihren Leitzins mehrfach gesenkt hat – trotzdem bieten sie üblicherweise noch immer einen spürbaren Zinsvorsprung gegenüber einem klassischen Girokonto, das bei den meisten Banken gar keine Zinsen zahlt. Wer diesen Puffer nicht hat und im August plötzlich die Waschmaschine ersetzen oder eine unerwartete Handwerkerrechnung begleichen muss, gerät leicht in die Versuchung, ausgerechnet in einer Verlustphase ETF-Anteile zu verkaufen – und genau das ist einer der teuersten Fehler, den eine Sparplan-Anlegerin machen kann. Fragen Sie sich deshalb ehrlich, ob Ihr Notgroschen diesen Namen wirklich verdient, oder ob er in Wirklichkeit im Depot steckt und dort jederzeit schwanken kann.
Das heißt allerdings nicht, dass ein Sparplan niemals überprüft werden sollte. Wer in den vergangenen zwei Jahren ausschließlich in einen einzelnen Technologie-Sektor-ETF eingezahlt hat, sitzt möglicherweise auf einem Klumpenrisiko, das eine ruhige Marktphase im Frühjahr zur echten Überprüfung nutzen sollte – nur eben nicht ausgerechnet in der nervösen ersten Augustwoche, wenn Entscheidungen eher aus Angst als aus Kalkül getroffen werden. Ein breit gestreuter, großer Welt-ETF federt genau diese Art von Klumpenrisiko von vornherein besser ab als eine Sammlung einzelner Branchenwetten.
Auch der Euro-Kurs reagiert im Sommer empfindlicher
Nicht nur Aktienindizes leiden im August unter dünnem Handel – auch der Devisenmarkt zeigt dasselbe Muster, wenn auch in kleinerem Maßstab. Wer in den Sommermonaten größere Beträge in eine Fremdwährung wechseln muss, etwa für den Kauf einer Ferienwohnung im nicht-europäischen Ausland oder eine größere Überweisung an Verwandte außerhalb der Eurozone, sollte wissen, dass Wechselkurse gerade an ruhigen Handelstagen stärker ausschlagen können als sonst üblich. Ein Unterschied von wenigen Cent beim Euro-Dollar-Kurs macht bei einer Überweisung von 20.000 Euro schnell mehrere hundert Euro aus, und genau solche Bewegungen häufen sich erfahrungsgemäß in den Wochen mit dem geringsten Handelsvolumen. Wer eine größere Transaktion plant, fährt deshalb in der Regel besser damit, den Betrag in zwei oder drei Tranchen an unterschiedlichen Tagen zu wechseln, statt alles auf einen einzigen August-Nachmittag zu konzentrieren – eine einfache Übertragung des Cost-Average-Prinzips auf Währungen statt auf ETF-Anteile. Auch hier gilt: Ein Blick auf die Gebühren lohnt sich, denn klassische Filialbanken verlangen für internationale Überweisungen und Währungsumtausch häufig spürbar mehr als spezialisierte Anbieter mit transparenter Kursstellung.
Was Sie konkret im August tun sollten
Die gute Nachricht: Die richtige Reaktion auf ein Börsen-Sommerloch erfordert keine komplizierten neuen Strategien, sondern vor allem Zurückhaltung an den richtigen Stellen und Aufmerksamkeit an den wichtigen.
- Lassen Sie Daueraufträge und Sparpläne automatisch weiterlaufen – das ist die wichtigste und zugleich am häufigsten ignorierte Regel.
- Prüfen Sie einmal im Quartal, nicht einmal pro Woche, ob Ihre Depotzusammensetzung noch zu Ihrem Anlageziel passt.
- Vergleichen Sie die Gesamtkostenquote Ihres ETFs; ein breit gestreuter Welt-ETF liegt heute meist zwischen 0,15 und 0,25 Prozent Verwaltungsgebühr pro Jahr, während ältere oder aktiv gemanagte Fonds schnell das Zehnfache kosten.
- Behalten Sie Nachrichten über einzelne Tagesbewegungen mit etwas Distanz im Blick, anstatt bei jeder Meldung sofort die Banking-App zu öffnen, und so weiter – Disziplin schlägt Aktionismus in praktisch jeder historischen Auswertung.
Der nächste Sommer mit dünnem Handelsvolumen und nervösen Schlagzeilen kommt so sicher wie der nächste Ferienbeginn in Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Wer seinen Sparplan bis dahin einfach weiterlaufen lässt, wird sich an den August 2026 vermutlich als einen von vielen unauffälligen Monaten erinnern – nicht als Wendepunkt.